Kreatives Handeln

   Jeder rational-wissenschaftliche Diskurs, zumal der derzeitige, geht von einer Setzung aus, die als so selbstverständlich gilt, dass sie, obwohl Mittelpunkt aller Wahrnehmung, kaum noch bemerkt wird: hier Subjekt, dort Objekt; hier Ich, dort Du, dort das Andere.

Aus dieser an der bio-sozialen Oberfläche als notwendig gesetzten Trennung generiert sich, zusammen mit ihrer simultan geforderten Ausschließlichkeit, eine Weltbezogenheit, die das wahrgenommene Gegenüber als grundsätzlich unbekannt und damit auch als potentiell uneinschätzbar erleben muss.

Die Folgen reichen weit bis in eine gegebene Form von Verunsicherung, die nicht nur Wahrnehmung, Fühlen und Denken, sondern Selbstverhältnis und Beziehung prägt: d. h. auch Leben und Arbeit. Und doch weiß fast jeder Mensch im Hintergrund seines Erlebens, dass diese Trennung keine letzte Wirklichkeit bezeichnet. Jeder Künstler weiß es, jeder Liebende, jede Mutter — und in gehobenen Augenblicken ahnt es fast jeder überhaupt.

Kreativität, so wie sie hier verstanden wird, ist nicht dekorativer Mehrwert, keinesfalls Lieferant von "coolen" Ideen, von Spass und Unterhaltung und auch nicht (nur) das Aufbrechen gewohnheitsmäßiger Muster.
Sie ist ein einfühlendes, nicht duales, sondern polar-dynamisches Vermögen, mit dem der hinderliche Aspekt der oben angeführten Trennung spielerisch überbrückt und bewusstseinsfähig gemacht werden kann. Denn in schöpferischem Tun wird der Werkstoff nicht bloß zum Objekt eines durchsetzenden Willens, sondern zum Mitspieler im Geschehen. Das interdependente, systemische Verhältnis zwischen Werkstoff und Ausführendem – zwischen ihren jeweiligen Eigenarten, Widerständen und Möglichkeiten – erweist sich als ein in sich geschlossenes Feld, das den Handlungsspielraum zugleich begrenzt und erweitert. Denn hier liegt Synthese vor, kein Amalgam.

Wer diese zunächst verdeckte Bezogenheit im Umgang mit dem konkret-dinglichen Stoff entdeckt, erspürt zum vielleicht ersten Mal die Fehl-Dynamik gegenläufiger Opposition, widerständigen Egoismus’ und einseitiger Ergebnisorientiertheit. Sichtbar werden dann nicht bloß individuelle Schwächen im Handeln, sondern die Folgen eines Wollens, das sich selbst nicht geklärt hat.

An dieser Stelle beginnt künstlerische Materialerfahrung über ihren engeren Bereich hinaus auf anderen Ebenen wirksam zu werden. Die Bedingungen für DIE gute, stimmige Lösung in der eigenerfahrenen Verbundenheit zwischen Stoff, Handelndem, Handlung und Ergebnis zu erarbeiten, fördert - weit über intellektuelles Lernen hinaus - ein lebendiges Lernen gänzlich anderer Genese, dessen Inhalte und Ergebnisse sich aus tieferen Schichten stammend unverlernbar in der Person verankern.

Speziell für den hier gegebenen Zusammenhang ist wichtig, dass die darin gewonnenen Einsichten sich auch in Problemzonen von Lebens- und Arbeitsbewältigung hineinspiegeln.
In gelungener Übertragung führt diese zu unerwartetem Brückenschlag, erschließt Sicht- und Handlungsweisen, mit deren Hilfe unerkannt verbarrikadierte Tore sich öffnen lassen. Wo bislang unter komplexen, eventuell eingerosteten Bedingungen entschieden, geführt, zusammengearbeitet und Verantwortung getragen wurde, weht dann vielleicht frischer Wind – weniger aus einer neuen Richtung als aus kompassunabhängiger anderer Dimension.

Auf diese Weise hält Kreativität das auf Bewahrung und Wiederholung abzielende System in Bewegung. Sie verhindert, dass der Weltinnenraum unter dem Zwang logisch-rationaler Kontrolle verkrustet, und lässt in der Öffnung auf das Unerwartete, das Unvorhergesehene, selbst das Unerwünschte Flexibilität, Einfühlungs- und Empfindungsfähigkeit sowie Intuition wachsen. Vor allem letztere sind Quelle für Freude, Problemlösungsstärke und Selbstvertrauen.


In diesem Sinn ist Kreativität als schöpferisches Tun keine Zutat, sondern eine Form von Schulung: Schulung in Sich-Öffnen, Mut und Vertrauen.